Flusslandschaft 1947

CSU

Jüngere Mitglieder der CSU sorgen sich. In der Partei finden sich viele, die schon in der Weimarer Republik politisch aktiv waren. Die Befürchtung, in einem Abklatsch der althergebrachten Bayeri-
schen Volkspartei seine Energie zu verschwenden, ist verbreitet. Wie argumentieren? Martell (ver-
mutlich Bernhard Martell) greift im dritten Heft der CSU-Schriftenreihe die verbreitete Unzufrie-
denheit in der Bevölkerung auf, indem er die formale Demokratie, die sich Opportunisten, Karrie-
risten, Egomanen und Egoisten zu eigen machen, durch eine „wirkliche“ Demokratie ablösen will: „… Es würde den Rahmen unserer Niederschrift sprengen, wenn wir, die wir uns bewußt zu einer Partei bekennen, die Mängel darstellen würden, die unserem Parteienleben anhaften. Es genügt die Feststellung, daß die Parteien, und zwar ALLE Parteien, auf dem besten Wege sind, das von ihren Wählern in sie gesetzte Vertrauen zu verspielen. Die Bereitschaft zum Kompromiß ist so groß geworden, der Streit um Ämter und Posten, um Personen und um das Geltungsbedürfnis hat all-
mählich so scharfe und beherrschende Formen angenommen, daß sich die breite Masse angeekelt – jawohl: angeekelt! – davon abwendet. Der kleine Mann gewinnt den Eindruck, daß es nur darum geht, einigen wenigen Parteigrößen, die sonst nicht die Fähigkeit hätten, über den Durchschnitt emporzusteigen, einträgliche Dauerstellungen zu verschaffen. Der geflügelte Seufzer, den Kabi-
nettsmitglieder immer wieder ausstoßen, wenn sie mit alten Freunden zusammenkommen: ,Wir sind doch wirklich nicht zu beneiden!‘, verliert an Wahrhaftigkeit, wenn man weiß, wie sehr sie sich um die ,wenig beneidenswerten’ Pöstchen gerissen haben. Auch darüber müssen wir offen sprechen. Wir sind das der Demokratie schuldig. Denn niemand kann so engstirnig sein und mit dazu beitragen wollen, daß aus der deutschen Tragödie eine Burleske wird, es sei denn, er hält die Demokratie für die Staatsform, die es ihm ermöglicht, hemmungslos seinem eigenen Wohlergehen nachjagen zu können. Neue Demokratie – davon wird heute oft geredet. Aber mit dem Reden ist es nicht getan. Dazu gehört die Gesinnung, dazu gehört der ehrliche Wille, entsprechend zu handeln …“1

Ende November/Anfang Dezember 1947 finden im bayrischen Landtag die Aussprachen über den Haushalt des Kultusministeriums statt. Vermutlich aus diesem Anlass versucht Sozialdemokrat Otto Graf, seine Parteifreunde für die Personalpolitik Hundhammers in seinem Ministerium zu interessieren.2 Siehe auch „SchülerInnen“.


1 Fragen der Zeit. Schriftenreihe der Christlich-Sozialen-Union / Heft 3. Ist das Demokratie? Gedanken junger Politiker. Zusammengestellt von Martell, München April 1947, 19 f.

2 Siehe „Zur Landtagsdebatte über die Personalpolitik im Kultusministerium“ von Otto Graf.

Überraschung

Jahr: 1947
Bereich: CSU